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Lied 2
Franz Schubert - 50 Werke von 25 Dichtern: Eine persönliche Auswahln von Graham Johnson, nach vierzig Jahren auf der Bühne mit Schuberts Liedern
Freitag | 18. Mai 2012 | 20:00 Uhr
Herten | Schloss Herten

Der Todkranke liebt die Komik

Recklinghäuser Zeitung (21. Mai 2012, Bernd Aulich)

Schubert-Abend voller Raritäten in Schloss Herten

„Rossinis bestes Lied“ hat nicht etwa der Italiener Gioachino Rossini komponiert sondern 1827, ein Jahr vor seinem Tod, der sterbenskranke Franz Schubert. Mit dieser Pointe überraschte der britische Pianist und Liedbegleiter Graham Johnson im zweiten Schubert-Liederabend des Klavierfestivals Ruhr in Schloss Herten.

Diesen Abend widmeten Johnson und die drei Sänger in nobler Geste dem Andenken an den verstorbenen großen Liedinterpreten Dietrich Fischer-Dieskau. Johnsons eigenwillige Auswahl erwies sich mit ihrer Fülle an Raritäten als Fest für Schubert-Liebhaber.

„Rossinis bestes Lied“ mit dem Titel „L’incanto degli occhi“ („Der Zauber der Augen“), das einzige auf Italienisch an diesem Abend, geht auf einen Text des auch von Mozart als Librettist geschätzten Pietro Metastasio zurück. Schubert wusste, welch schicksalsschwangere Hymne er vertonte. Vier Jahre zuvor hatte er von seiner damals unheilbaren Syphilisinfektion erfahren. Er ahnte, dass ihm nur noch wenige Schaffensjahre blieben. Bariton Benjamin Appl fand dafür die richtige Mischung aus Arien-Zauber und inwendig natürlichem Schubert-Tonfall.

Noch eine weitere Annäherung an Rossini hatte Johnson parat. Geraldine McGreevy widmete sich „Ellens Gesang“ mit warmer Emphase. Es ist einer von sieben Gesängen, zu den sich Schubert 1825 durch Walter Scotts Versepos „The Lady of the Lake“ inspirieren ließ – sechs Jahre nachdem Rossini den Stoff in seiner einzigen romantischen Oper „La donna del lago“ vertont hatte.

Zwei zusätzliche köstliche Beispiele für Schuberts Kokettieren mit der Oper in der Fülle seiner Lieder verwiesen auf Mozart. Mit dem Lied „An die Laute“ spielte Geraldine McGreevy, also ausgerechnet eine Sopranistin, auf das Eroberer-Getändel in „Don Giovanni“ an. Und die kleine Szene „Der Hochzeitsbraten“ erinnert nicht nur an das keifende Geturtel Figaros mit seiner Susanna im Zwiegesang der Sopranistin mit dem erstklassigen Tenor Robert Tritschler, in das sich der Bariton des Jägers Kaspar einmischt wie Almaviva, der in „Figaros Hochzeit“ selbst ein Auge auf die Schöne geworfen hat. Nicht nur hier hat Schubert das Solo-Lied aufgebrochen. Schon das Duett „Mignon und der Harfner“ ist ein Gesang mit verteilten Rollen. Komik entfachte Schubert noch in gespielter Empörung der gemein Verführten in „Die Männer sind méchant“. In einem der schönsten letzten Lieder mit dem schlichten Titel „Herbst“ beschwor Bariton Appl mit lyrischer Weichzeichnung Schuberts Todesnähe in verglimmenden fahlen Farben.

 

Franz Schubert im Focus (WAZ-Vest 21. Mai 2012, Martin Schrahn) 

Franz Schubert hat, nimmt man alles in allem, weit mehr als 700 Lieder und Gesänge geschrieben. Ein gewaltiger musikalischer Kosmos ist da entstanden, berstend vor Gefühlsnuancen, berührend oder aufrüttelnd, Angst schürend oder Trost spendend. Muss diese quantitative Leistung des Komponisten, in seinem nur 31 Jahre währenden Leben, als genialisch angesehen werden, ist die Kraft seiner Lyrik schier überwältigend.

Dies an Hand von 50 Beispielen zu illustrieren, hat sich der renommierte Liedpianist Graham Johnson nun beim Klavier-Festival Ruhr zur Aufgabe gemacht. Zwei Abende lang lenkt er im Schloss Herten den Fokus auf bekannte und unbekannte Lyrik Schuberts. Ein jeweils kurzer Einführungstext setzt Lied und Leben des Komponisten in Beziehung. Johnson stellt die Textdichter vor, zeigt musikhistorische Bezüge auf.

Das mag nach Seminar klingen, ist aber Vermittlung in launiger Manier. Schuberts klingendes Werk steht im Vordergrund, jedes Lied wird mit großer Emphase interpretiert, bisweilen ins opernhaft Dramatische gerückt, mitunter als zarte, inwendige Miniatur wiedergegeben. Geraldine McGreevy (Sopran), Robin Tritschler (Tenor) und der Bariton Benjamin Appl sind die Solisten, die dem Komponisten die Ehre erweisen. Aufhorchen lässt dabei Robin Tritschler. Die klare Stimmführung, ein feines Legato, besonders seine Gestaltungskraft bringen Schuberts Liedschätze überaus nah. „Vom Mitleiden Mariä“ klingt bei ihm so schlicht wie ergreifend. „Der Einsame“ ist eine kecke Verteidigung des Eremiten-Daseins, durchsetzt mit einem beinahe zynischen Schlenker über das Lärmen der Welt. Tritschler ist großer Deuter und engagierter Gefühlssachwalter.

Die Energie, Schuberts Pendeln zwischen Lebensmut und Todessehnsucht, zwischen Liebe und Leid wie Freudenausbruch und tiefster Traurigkeit zu illustrieren, haben auch McGreevy und Appl. Die Sopranistin indes enttäuscht bisweilen mit einer verkrampften Höhe, der Bariton mit verschleierter Fokussierung. Sein Metier ist vor allem der große Balladenton („Der Zwerg“) und die dramatische Zuspitzung („Prometheus“).

Über allem steht, mit nur kleinen rhythmischen Wacklern, die klavieristische Differenzierungskunst Graham Johnsons. Ausgefeilte dynamische Abstufungen oder sein Sinn für die formalen Proportionen jedes Liedes zaubern ein Kaleidoskop Schubert'scher Seelenbefindlichkeit hervor. Dass Pianist und Solisten das neckische Minisingspiel „Der Hochzeitsbraten“ ins Programm nehmen, ans Ende das sehnsuchtstrunkene „Die Taubenpost“ setzen, ist genauso Beleg für die Bandbreite an Stimmungen des Komponisten. Und schließlich: Dass das zweite Konzert dem in der Nacht zuvor gestorbenen Bariton Dietrich Fischer-Dieskau gewidmet wird, dem berühmtesten Interpreten der Schubert-Lieder, ist eine wunderbare Geste.


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