Westfälische Rundschau / Westfalenpost (24. Mai 2012, Tobias Borjans)
Am Mittwochabend wurde dem heimischen Publikum ein besonderer musikalischer Höhepunkt geboten. Erstmalig gastierte das Klavier-Festival Ruhr, welches laut Fachpresse als eines der bedeutendsten Klavierfestivals weltweit gilt, im Ibach-Haus. Mit dem Pianisten David Kadouch präsentierte das Klavier-Festival Ruhr beim Debüt in Schwelm einen mehrfach ausgezeichneten wie hoch talentierten Nachwuchsmusiker, der längst kein Unbekannter mehr ist. Der gebürtige Franzose bewies mit meisterhaft virtuosem Spiel seine ganze internationale Klasse – und überzeugte damit das Auditorium im vollbesetzten Saal restlos.
David Kadouch eröffnete das Konzert mit einem wahren Klassiker der Klavierliteratur. Die Variationen in f-Moll waren Joseph Haydns letztes Klavierstück und sind wahrscheinlich auch sein berühmtestes. Zwei Themen, eins in Dur und eins in Moll, werden abwechselnd variiert. Der anspruchsvollen formalen Gestalt des Werkes zum Trotz gelang es Kadouch, das Moll-Thema in seiner vollen emotionalen Tiefe variiert wiederzugeben, ohne dabei die präsente Melodielinie in den Dur-Abläufen zu vernachlässigen. Seine Lesart des Stücks zeichnete ein durchweg durchdachtes Spiel zwischen Kraft und Galanterie aus, welches das Publikum sichtlich ergriff.
In musikgeschichtlich jüngere Gefilde führten in Folge zwei Préludes des Komponisten Claude Debussy. Mit „Les fées sont d’exquises danseuses“ konnte David Kadouch den Zuhörern seine Virtuosität vor Ohren führen und schuf durch eine akzentuierte wie feinfühlige Interpretation ein klangmalerisches Bild von „tanzenden Feen“. Nicht weniger elegant und technisch versiert gelang ihm das zweite Prélude. Auch hier ließ sich durch ein ausgewogenes Spiel zwischen kraftvollen Tiefen und kristallklaren Höhen heraushören, was entsprechend dem Titel „Ce qu’a vu le vent d’Ouest“ (dt. „Was der Westwind gesehen hat“) motivisch möglich war.
Mit Nicolai Medtners Sonate Nr. 1 in a-Moll („Reminiscenza“) begann anschließend der Programmteil, in dem sich Kadouch den Klavierwerken russischer Meister widmete. Mit der Sonate des Moskauer Tonkünstlers, der hierzulande immer noch als Geheimtipp gilt, präsentierte der junge Franzose am Flügel seinen Fähigkeit, selbst die komplexesten und schwierigsten Passagen klar und deutlich darzustellen. Seine Interpretation zeugte dabei nicht nur von starker Flüssigkeit und Ausdauer, sondern auch von einer breiten Palette der Kolorierung.
Darauffolgend reüssierte Kadouch mit der Prélude und Fuge in gis-Moll des russischen Komponisten Sergei Tanejew, der sich in seinen Werken meist formal an vergangenen musikalischen Epochen orientierte. Die stilistische Abwechslung im Abendprogramm untermauerte David Kadouch durch ein kluges wie kontrastreiches Umsetzen des kontrapunktischen Spiels.
Den letzten Programmpunkt bildeten Mussorgskys „Bilder einer Ausstellung“. Hierbei gelang dem Pianisten eine Glanzleistung. Zum Ereignis wurden die extremen Dynamikschwankungen, welche die einzelnen Nummern fein gliedernd und scharf akzentuierend durchzogen. Bei allem Ausreizen der klanglichen Möglichkeiten und Facetten an Klangfarben des Instruments, strahlte Kadouchs Spiel dennoch Souveränität aus. So modellierte er mit ungeheurer Raffinesse und einem ausgeprägten Gespür für die Architektur des Werks die fließenden Übergänge von einem Bild zum nächsten. Die anspruchsvolle und bravouröse Darbietung des Zyklus gefiel auch den Zuhörern. Nach langanhaltendem Applaus und zwei Zugaben wurde der Pianist David Kadouch schließlich entlassen. Was für ein Abend!