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Lied 2
Franz Schubert - 50 Werke von 25 Dichtern: Eine persönliche Auswahln von Graham Johnson, nach vierzig Jahren auf der Bühne mit Schuberts Liedern
Freitag | 18. Mai 2012 | 20:00 Uhr
Herten | Schloss Herten
Franz Schubert: Leben und Lieder 1823-1828

Das Jahr 1823 begann für Franz Schubert mit einer Beichte. Am 28. Februar erwähnte er in einem Brief an den Vize-Direktor der Wiener Hofoper, Ignaz von Vogel, zum ersten Mal seine am Ende tödliche Syphilis-Erkrankung. Zwar musste sich Schubert noch in diesem Jahr ersten Therapien auch im Wiener Allgemeinen Krankenhaus unterziehen. Seine Schaffenslust kam dennoch nicht zum Erliegen. Immerhin entstanden 1823 die Oper Fierrabras sowie die Schauspielmusik Rosamunde. Aber auch auf dem Gebiet des Lieds beschritt er Neuland. Mit Die schöne Müllerin komponierte er seinen ersten von drei großen Lieder-Zyklen. Und für seine Einzellieder griff er ebenfalls auf Texte von bis dahin nicht vertonten Dichtern zurück. Dazu gehörten der Erzromantiker Friedrich Rückert sowie der Goethe-Freund Friedrich Leopold Graf zu Stolberg-Stolberg. Über das Lied Auf dem Wasser zu singen D 774 nach Stolberg hat der große Schubert-Sänger und -Forscher Dietrich Fischer-Dieskau angemerkt: „Das Lied offenbart die schönsten Reize Schubertscher Lyrik, nämlich das Zusammengehen schwelgerisch österreichischer Singseligkeit mit allen Instrumentalvorzügen der gleichzeitig entstandenen Klavierwerke, wie hier der Moments musicaux.“ 

In den Folgejahren nahm Schubert immer neue Namen in seinen Dichter-Kanon auf. Ob Ernst Schulze, der in seinen Gedichten jenes Liebessehnen und jene Liebesqualen ausbreitete, die Schubert aus dem Herzen sprachen. Und 1825 vertonte er zwei Texte des aus Venetien stammenden Lyrikers Jakob Nikolaus Craigher de Jachelutta; darunter mit Totengräbers Heimwehe D 842 ein abgründig dunkles Abschiedsbekenntnis. 

So groß Schuberts literarischer Appetit bereits in seinem ersten Lied-Jahrzehnt gewesen war, in dem Gedichte und Balladen vor allem von Goethe, Schiller und auch des Freunds Johann Mayrhofer im Mittelpunkt standen, so lernte er nun in regelmäßig veranstalteten „Leseabenden“ selbst die Werke der Weltliteratur kennen. Ab Dezember 1822 trafen sich in geselliger Runde und zumeist bei Schuberts engstem Freund Franz von Schober Dichter und Schriftsteller, um in verteilten Rollen Dramen von Aischylos und Shakespeare vorzutragen. Und wie inspirierend diese Lese-Gesellschaften für Schubert gewesen sein müssen, unterstrich Joseph von Spaun in seinen Erinnerungen: „Schobers Freunde wurden auch Schuberts Freunde, und ich bin überzeugt, dass das Zusammenleben mit diesem Kreise für Schubert viel vorteilhafter gewesen ist, als wenn er in einem Kreise von Musikern und Fachgenossen, die er übrigens auch nicht vernachlässigte, gelebt hätte.“ 

Durchaus vermuten lässt sich, dass einer von Schobers Freunden den Komponisten auch auf den englischen Dichter Walter Scott aufmerksam gemacht hat. Walter Scotts Verserzählung The Lady of the Lake war 1819 in einer deutschen Übersetzung erschienen. 1825 wählte Schubert sieben Texte aus und vertonte sie für Solo-Stimme sowie für einen dreistimmigen Frauen- und einen vierstimmigen Männerchor. Ellens Gesang II D 838 gibt mit seinen angedeuteten Hornsignalen einen Eindruck von der sich um Krieg und Frieden drehenden Handlung in The Lady of the Lake. Und dass Schubert mit seinen sieben Scott-Gesängen einen auf Anhieb populären Liederreigen komponiert hatte, erfuhr er 1825 bei einer gemeinsamen Konzerttournee mit dem von ihm verehrten Bariton Johann Michael Vogl. „Besonders machten meine neuen Lieder sehr viel Glück“, schrieb Schubert aus Steyr an seine Eltern. 

Hatte Schubert mit den Scott-Liedern die Gattung „Sololied mit Klavierbegleitung“ aufgebrochen, indem er die Gesänge für unterschiedliche Besetzung schrieb, ging er diesen Weg ein Jahr später noch einmal. In seinen vier Wilhelm Meister-Liedern beschäftigte er sich nach 1815 erneut mit den Gedichten aus Goethes Roman. Und gleich das Eröffnungslied Mignon und der Harfner D 877 („Nur wer die Sehnsucht kennt“) setzte er für Sopran und Tenor. Doch nicht nur im Duett ist die ersehnte Ferne allgegenwärtig. Das von Schubert aus der traditionellen Dienerrolle befreite Klavier scheint beiden Sängern den Weg dorthin zu weisen. Immerhin zitiert Schubert im Klavier sein bereits 1816 komponiertes Lied Der Wanderer, in dem es: „Dort, wo du nicht bist, da ist das Glück.“ 

In eine ebenfalls mehrstimmige, musikalisch aber gänzlich andere Welt lädt dagegen Der Hochzeitsbraten D 930 ein. Dieses humoristische Terzett entstand Ende 1827 auf einen Text von Franz von Schober und kam sicherlich bei einer „Schubertiade“ zu Gehör. Im Mittelpunkt dieser kammermusikalischen Opernszene stehen die beiden Liebenden Therese und Theobald, die für ihr Hochzeitsfest noch einen ordentlichen Braten benötigen. Auf ihrer Treibjagd bekommen sie es aber mit dem aufgebrachten Jäger Kaspar zu tun. Nachdem Kaspar besänftigt werden konnte, verspricht er dann sogar, für den nötigen Braten zu sorgen. Nur bei der Feier fährt es aus ihm heraus: „Ich wäre fast der Bräut´gam lieber als der Gast, sie ist kein schlechter Braten, der Kerl ist gut beraten.“ 

Neben einem weiteren Ausflug in die Opernwelt –mit dem für den berühmten Rossini-Bass Luigi Lablache geschriebenen L’Incanto degli occhi D 902 – naht jedoch das Ende des Liedkomponisten Schubert unerbittlich. In seinem Todesjahr 1828 wählte er mit Ludwig Rellstabs „Herbst“ ein Gedicht voller Hoffnungslosigkeit. Und mit Die Taubenpost D 957 nach Johann Gabriel Seidl erklingt schließlich sein allerletztes Einzellied, das zusammen mit Rellstab- und Heine-Liedern unter dem Titel Schwanengesang veröffentlicht werden sollte. 

Guido Fischer

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