Zwischen seinen beiden England-Reisen schrieb Joseph Haydn 1793 die Variationen in f-Moll, die aufgrund ihres reifen Spätstils eine besondere Stellung in seinem Gesamtwerk einnehmen. Das ungewöhnlich umfangreiche Variationsthema entspricht einem zweiteiligen Eröffnungssatz, in dem sich ein Moll- und ein Dur-Abschnitt gegenüber stehen. Starke Kontraste wie Schatten – Licht oder Aufruhr – Beruhigung werden auf eindrucksvolle Weise musikalisch dargestellt. Die erste Variation führt in extreme Tonlagen und arbeitet mit Synkopen, Chromatik und Trillerketten. Die zweite Variation ist durch eine lebhafte und leidenschaftliche Figuration mit rauschenden Zweiunddreißigstel-Passagen gekennzeichnet. Mit scharfen Akzenten und dynamischen Kontrasten erzielt die abschließende Coda einen Hohepunkt leidenschaftlicher Erregung, bevor das Werk leise verklingt. Aufgrund der punktierenden Rhythmen im Stil eines Trauermarsches, der inneren Dramatik und des resignierenden Schlusses ist oft vermutet worden, dass Haydn diese expressive Klavierdichtung anlässlich des Todes seiner langjährigen Freundin Marianne von Genzinger komponiert hat.
Seinen monumentalen, aus 24 Einzelkompositionen bestehenden Zyklus Préludes schuf Claude Debussy zwischen 1910 und 1913. Charakteristisch sind die programmatischen Hinweise und Assoziationshilfen, die allerdings immer erst am Ende eines Stucks gegeben werden. Das Prélude Les fees sont d’exquises danseuses (Die Feen sind erlesene Tanzerinnen) wurde durch eine Radierung von Arthur Rackham inspiriert und beschreibt grazile Wesen, die leichtfüßig vorüberhuschen. Finster und bedrohlich wirkt hingegen Ce qu’a vu le vent d’Ouest (Was der Westwind gesehen). Hackende Rhythmen, aufgewühlte Tremoli, rasende Akkordpassagen und aufheulende Figuren symbolisieren die gewaltige Kraft des Windes.
Der russische Pianist und Komponist Nikolaj Medtner hatte deutsche Vorfahren, wuchs aber in Moskau auf und studierte am dortigen Konservatorium Klavier sowie bei Sergej Tanejew Komposition. Stilistisch gesehen blieb er – ähnlich wie sein enger Freund Sergej Rachmaninow – den Grundsätzen eines spätromantischen Akademismus treu. In seinem kompositorischen Schaffen nehmen die Klavierwerke eine herausragende Stellung ein. Sie sind durch kontrapunktische Komplexität, melodische Fülle und hohe technische Anspruche gekennzeichnet. Da Medtner Elemente der national-russischen Schule mit westeuropäischen Einflüssen verband, wurde er von den Kritikern zuweilen als „russischer Brahms“ bezeichnet. Seine 12 zwischen 1902 und 1937 komponierten Klaviersonaten zeigen unverkennbar eine individuelle Tonsprache und tragen zum Teil programmatische Titel. Die romantisch verspielte und gleichzeitig äußerst wirkungsvolle Sonata Reminiscenza op. 38/1 ist einsätzig angelegt und steht unter dem Motto „Erinnerung“ oder „Anklang“. Sie entstand zwischen 1918 und 1920 genau zu einem Zeitpunkt, als die Oktoberrevolution Russland für immer veränderte und Medtner beschloss, nach Deutschland zu emigrieren. Weiche Klange, lyrische Passagen, dramatische Steigerungen und brillante Virtuosität verbinden sich in diesem Werk zu einem eindrucksvollen Klanggemälde.
Der russische Komponist Sergej Tanejew war ein guter Freund Peter Iljitsch Tschaikowskys und schloss sein Studium am Moskauer Konservatorium 1875 mit der Goldmedaille ab. Bald darauf begann er selbst in den Fächern Harmonielehre, Instrumentation, Klavier und Komposition zu unterrichten. Zu seinen Schülern zahlten bedeutende Persönlichkeiten des russischen Musiklebens wie Sergej Rachmaninow, Alexander Skrjabin und Nikolaj Medtner. Das besondere Interesse Tanejews galt der Musik früherer Epochen und ihrer polyphonen Kompositionstechnik. Er schulte sich intensiv an den Werken Palestrinas und avancierte zum größten Kontrapunktiker der russischen Musik. Seine Leidenschaft ging so weit, dass er den 1885 angetretenen Posten als Direktor des Moskauer Konservatoriums nach vier Jahren wieder aufgab, um sich ganz auf den Unterricht in den Fächern Kontrapunkt und Fuge konzentrieren zu können. Es ist überliefert, dass Tanejew seinen Schülern gerne riet, lieber Fugen als Präludien zu komponieren. In seinem berühmtesten Klavierwerk Prelude und Fuge gis-Moll op. 29 aus dem Jahr 1910 halt er sich allerdings nicht an seinen eigenen Ratschlag, sondern verbindet die beiden musikalischen Formen auf meisterhafte und wirkungsvolle Art miteinander.
Als der Architekt und Hobbymaler Viktor Hartmann 1873 plötzlich verstarb, wurden posthum einige seiner Zeichnungen, Aquarelle und Skizzen gezeigt. Dieser Überblick über sein künstlerisches Schaffen inspirierte Modest Mussorgsky zu dem großartigen Klavierzyklus Bilder einer Ausstellung. Mit Geschick wählte er als Grundlage für seine musikalische Komposition zehn Skizzen und Entwurfe aus, die nicht rein abbildend waren, sondern auch psychologische Tiefe besaßen. Der Gang des imaginären Betrachters durch die Ausstellung wird mit Hilfe einer Promenade symbolisiert. Diese in immer wieder neuen Varianten erklingende typisch russische Melodie verbindet die einzelnen Stücke des Zyklus miteinander.
Der Entwurf für einen Nussknacker inspirierte Mussorgsky zu dem grotesken Stuck Gnomus, das nicht nur die äußerlichen Unzulänglichkeiten des Zwerges beschreibt, sondern auch seine innere Tragik. Das alte Schloss erzählt von einem Troubadour, der vor den Mauern einer mittelalterlichen Burg ein trauriges Lied singt. Dann geht es zu den Tuilerien in Paris, wo spielende Kinder miteinander scherzen und streiten. Der im nächsten Stuck mühsam vorbeirumpelnde, schwere polnische Ochsenkarren Bydlo steht symbolisch für die Unterdrückung im vorrevolutionären Russland. Einen heiteren Kontrast dazu bildet das Ballett der Küchlein in den Eierschalen, das mit Hilfe von Trillerketten und Vorschlagen das Piepsen und hektische Flügelschlagen der jungen Küken musikalisch ausdruckt. Zwei jüdische Landsleute treffen in Samuel Goldenberg und Schmuyle aufeinander – der eine reich, herrisch und abweisend, der andere arm, zitternd und vergeblich um Hilfe bittend. Auf köstlich humorvolle Weise beschreibt Der Markt von Limoges einen erbitternden Streit zwischen heftig keifenden Marktweibern. Der Schrecken des Todes und die geheimnisvolle Stille eines unterirdischen Friedhofs werden in Die Katakomben thematisiert. Es folgt ein wilder Ritt der gefürchteten russischen Märchenhexe Baba Yaga, die in einem Hexenhäuschen mit Hühnerfüßen haust. Als nationales Bekenntnis ist Das große Tor von Kiew zu verstehen, das durch den Entwurf für ein Stadttor angeregt wurde und einen wuchtigen, kraftvollen Hymnus mit einem innigen Choral verbindet.
Andrea Susanne Opielka